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INSIGHT: Ein Jahr Schulalltag erleben: Lehrerin auf Probe – mein Jahr in der Lehr:werkstatt

Alumni in Farbe
Bild: Manuela Linsner, ZfL

Gastautorin: Anna Ginkel

Lange gestand ich es mir nur ungern ein: Obwohl das LehrerInnen-Sein seit meiner Kindheit mein absoluter Traumberuf war und ich mein Lehramtsstudium mit dem ambitionierten Vorhaben aufnahm, „es besser als die zu machen“, quälten mich insgeheim doch Fragen. Bin ich wirklich für den Lehrberuf geeignet? Bin ich in der Lage, eine 30-köpfige SchülerInnenbande in Schach zu halten? Würde es mir gelingen, meinen Unterricht tatsächlich so zu gestalten, wie ich ihn mir als Schülerin von meinen damaligen LehrerInnen immer gewünscht hatte?

Dann erfuhr ich von Lehr:werkstatt. Eine neue Form des Schulpraktikums für Lehramtsstudierende, das mir nicht nur in Bezug auf meine Fragen die Augen öffnen sollte, sondern das außerdem bis heute die größte Bereicherung meiner beruflichen Ausbildung darstellt. Wer das Konzept noch nicht kennt – hier die hard facts: Du bist ein Schuljahr lang an einer Schule im Umkreis, wo dir dein persönlicher Tandempartner zur Seite steht, nämlich eine erfahrene Lehrkraft, die Lust hat, ihren Unterricht gemeinsam mit dir zu gestalten. Wie ihr zueinander findet, gleicht ein bisschen dem Prinzip einer Partnerbörse: Aufgrund von einigen Angaben in einem eigens hierfür entwickelten Matching-Tool werden Studierende und Lehrkräfte so gepaart, dass sie in ihren Persönlichkeiten und Vorstellungen von Schule einander entsprechen; meine Tandemparterin und ich tragen sogar den gleichen Namen. Weil nebenher Studieren natürlich trotzdem sein muss, ist das Praktikum so entwickelt, dass du lediglich während der vorlesungsfreien Zeit täglich in die Schule gehst, und dir während des Semesters dann nur einen Tag rauspickst, an dem du vor der Klasse stehst.

Durch die – im Vergleich zu standardmäßigen Schulpraktika – lange Dauer der Lehr:werkstatt ist es möglich, eine intensivere Bindung zu den einzelnen SchülerInnen herzustellen. Nach einigen Monaten kannte ich meine „LeihschülerInnen“ entsprechend gut, wusste um ihre Stärken und Probleme Bescheid und konnte trotz meines schlechten Namengedächtnisses sogar alle persönlich anreden. Aber auch zu meiner jungen Mentorin entwickelte sich schnell ein freundschaftliches Verhältnis. Das Matching-Tool hatte bei uns den sprichwörtlichen Deckel zum Topf gefunden und wir beide treffen uns noch heute, zwei Jahre nach meinem Praktikum, privat in unserer Freizeit. Der Umstand einer solchen Atmosphäre in der Zusammenarbeit hat sich als unschätzbar wertvoll erwiesen; so war ich trotz der Anwesenheit meiner Mentorin während meines Unterrichts viel lockerer und fühlte mich nicht so beobachtet, wie es in einer der Stundenversuche in anderen Praktika oft war. Gleichzeitig erlaubte es uns der freundschaftliche Umgang, gegenseitig produktive Kritik zu äußern oder von der jeweils anderen auf Verständnis zu stoßen, wenn eine Stunde einmal weniger gut gelaufen war. Besonders spannend waren in jedem Fall unsere spontanen Versuche des Team-Teachings, bei denen wir beide gleichzeitig vor der Klasse standen und den Unterricht ganz ohne vorherige Absprache gemeinsam bestritten.

Dass meine Mentorin und ich nur eines unserer zwei Unterrichtsfächer gemeinsam haben, war übrigens gar kein Problem. Sobald ich es mir einmal im LehrerInnenzimmer bequem gemacht hatte, waren gleich mehrere der anderen Lehrkräfte so begeistert von unserem Projekt, dass LehrerInnen meines Zweitfachs mich nicht nur hin und wieder auch in ihre entsprechenden Klassen holten, sondern ich spontan noch eine zweite Mentorin an der Schule fand, deren Klassen ich während des kompletten Jahres in diesem anderen Fach unterrichten durfte.

Die Lehr:werkstatt bot mir wie kein anderes Praktikum die Gelegenheit, beide meiner Studienfächer in sämtlichen Jahrgangsstufen (von der fünften Klasse bis zum Abi-Jahrgang kam tatsächlich jeder in den Genuss meiner Unterrichtsexperimente) und in einer Vielfalt von Themen und Methoden auszuprobieren.

Letzten Endes war die Lehr:werkstatt genau das, was ich gebraucht hatte, um mich mit meinen Sorgen und Zweifeln bezüglich meiner Berufseignung zu konfrontieren und die quälenden Fragen verwerfen zu können. Gleichzeitig erinnerte mich das Jahr an der Schule daran, wie viel Spaß der Lehrberuf am Ende tatsächlich macht. Und warum ich montags um acht in die Uni gehe.

Wenn du mehr über das Projekt der Lehr:werkstatt erfahren möchtest oder vielleicht sogar schon ab September ebenfalls teilnehmen willst, kannst du das hier tun: http://www.lehrwerkstatt.org