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INSIGHT: Fulbright Foreign Language Teaching Assistant in Hanover, New Hampshire

Während der Vorbereitung für einen englischen Lesewettbewerb in der siebten Klasse begann ich mich für die Sprache und Kultur der USA zu begeistern. Es war seitdem ein Traum von mir einmal in dieses Land zu reisen und dort auch für längere Zeit zu leben. Ich wollte immer ein Teil der Kultur werden, mehr sein als nur ein Tourist für wenige Wochen oder Tage. Nach meinem Abitur begann ich Englisch auf Lehramt Gymnasium zu studieren und im zweiten Semester nahm ich an einer Informationsveranstaltung der FAU zum Thema „Auslandsaufenthalte“ teil. Dort erfuhr ich auch vom gemeinsamen Projekt des Pädagogischen Austauschdienstes mit der Fulbright Kommission: Das Ziel des Projekts ist die Förderung der Zusammenarbeit und des kulturellen Austausches zwischen den USA und Deutschland. Es fördert den Kommunikationsaustausch und hilft dabei, Grenzen und Vorurteile abzubauen. Als Fulbright Foreign Language Teaching Assistant gehen vorwiegend Lehramtsstudierende für neun bis zehn Monate in die USA. Im akademischen Jahr 2015/16 waren wir 13 StudentInnen verschiedensten Alters aus ganz Deutschland.

Das Programm faszinierte mich sofort, doch ich war damals im zweiten Semester und man kann sich erst nach dem vierten Semester bewerben, da man die Tätigkeit als FremdsprachenassistentIn frühestens nach dem sechsten Semester beginnen kann. Die Bewerbungsfrist war für mich der 1. November. Ich stand vor einer schwierigen Entscheidung: Viele StudentInnen gehen bereits im fünften Semester, oder noch früher, ins Ausland. Sollte ich ein anderes Programm und ein anderes Land ins Auge fassen? Sollte ich es versuchen und alles auf eine Karte setzen? Eine zweite Chance sah ich damals nicht, denn es im achten Semester noch einmal zu versuchen, empfand ich kurz vor dem Staatsexamen dann, vom Zeitpunkt her gesehen, doch etwas ungünstig. Ich beschloss damals, dass ich die Chance ergreifen und es versuchen wollte. Ich wartete und zeigte schließlich viel Durchhaltevermögen in diversen Schritten des Auswahlverfahrens. Es lohnte sich: Überglücklich konnte ich im Mai 2015 die Zusage entgegennehmen! Es war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.

In Berlin traf ich Mitte Juni 2015 die anderen Teaching Assistants. Danach beantragte ich mein Visum und Ende August ging es dann los. Das Abenteuer begann bei einer Summer Orientation in Phoenix, Arizona. Während dieser Zeit lernte ich bereits viele andere FremdsprachenassistentInnen aus aller Welt kennen. Ich hatte so etwas noch nie erlebt und die Zeit dort war wohl der Inbegriff von interkulturellem Austausch: Frühstück mit ArgentinierInnen, Workshops mit IrInnen, Mittagessen mit Franzö(o)sInnen und Abendprogramm mit BrasilianerInnen – so konnte ein Tagesablauf dort aussehen. Nach dem Vorbereitungsprogramm nahm ich mir noch einen Tag Zeit und reiste zum Grand Canyon – ein sehr beeindruckendes Erlebnis.

Im Anschluss an die aufregende Woche in Phoenix flog ich nach Boston und nahm von dort den Dartmouth Coach zu meinem College in Hanover, New Hampshire. Hanover liegt etwa 3 Stunden von Boston entfernt direkt an der Grenze zu Vermont, nach New York City sind es etwa fünf Stunden. An der Universität angekommen nahm ich an den sogenannten First Year Trips teil. Hanover liegt zwischen kleineren Bergen, in der Nähe befinden sich außerdem die wunderschönen White Mountains. Die Ausflüge gingen über mehrere Tage und sie sollen zu Beginn eines akademischen Jahres das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den neuen Studierenden stärken und ihnen den Einstieg erleichtern. Es ist sicherlich gewöhnungsbedürftig für mehrere Tage mit fremden Menschen zusammen zu sein, die sich alle nicht duschen können (man übernachtet unter freiem Himmel oder in selbst gebauten Hütten), dennoch war der Trip eine tolle erste Erfahrung, die mich sofort mitten ins „neue“ Leben warf.

Das Erlebnis Campus war auch neu für mich. Hanover in New Hampshire besteht zu großen Teilen aus dem College und seinen diversen Gebäuden. Über das Jahr vergisst man fast, dass man eigentlich in einer Stadt ist. Dartmouth College ist ein Ivy League College und schreibt Zusammengehörigkeit groß. Das Motto ist a voice crying out in the wilderness: Inmitten von Bäumen und Bergen erstreckt sich ein wunderschöner Campus wie aus dem Bilderbuch.

Aber was macht man eigentlich als Fulbright Foreign Language Teaching Assistant? Ich würde sagen, man ist vor allem ein cultural ambassador. Viele Studierende haben keine Auslandserfahrung, sind vielleicht noch nicht einmal außerhalb ihres Bundesstaates gereist. Ich veranstaltete Events, Vorträge zu kulturellen und politischen Themen und jede Woche trafen wir uns zu einem Mittagstisch. Wir lasen Märchen während einer Grimm-Nacht vor, bemalten Ostereier, feierten ein Oktoberfest und zum Abschluss drehten wir einen Kurzfilm zum Thema „Sprachgrenzen“. Man bringt seine Kultur in ein anderes Land und ist AnsprechpartnerIn für verschiedenste Themen. Ich denke, ich habe gelernt mehr auf andere Menschen zuzugehen und sie für eine Sache zu begeistern. Am Ende des Jahres gehe ich nun zurück und sehe mich auch weiterhin als cultural ambassador, dann nicht für die deutsche, sondern die amerikanische Kultur.

Außerdem unterrichtete ich. In den mündlichen Prüfungen stellten die Studierenden zusammen mit mir Situationen aus dem Alltag nach, wie etwa einen Restaurant- oder Arztbesuch. Zudem leitete ich die Konversationsstunden. Hier konnte ich verschiedene Methoden ausprobieren, um den Studierenden die deutsche Sprache und Kultur näherzubringen. In dieser Zeit habe ich nicht nur sehr viel über meine eigene Sprache und Kultur gelernt, sondern sehr oft diskutierten wir auch über Gemeinschaften und Unterschiede zum Leben in den USA. Es hat mir große Freude bereitet, die Studierenden an ihren Herausforderungen wachsen zu sehen. Am Anfang konnten sie über ihre Familie erzählen, am Ende diskutierten wir über politische und soziale Themen. Vorurteile über Deutsche begegneten mir immer wieder und nicht alle sind unbedingt falsch. Das Jahr lehrte mich Strukturen zu reflektieren, Traditionen und Bräuche zu hinterfragen und mein Bewusstsein für Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Kulturen zu schärfen. Das Leben in den USA ist anders und natürlich gibt es auch immer Herausforderungen, denen man sich stellen muss. Für mich war es beispielweise schwer zu akzeptieren, dass “How are you” nicht viel mehr ist als „Hallo“. Am Anfang neigte ich immer dazu, meinem Gegenüber von meinem täglichen Wohlbefinden zu berichten. Das wird jedoch nicht erwartet, wenn man sich im Vorbeigehen trifft und man darf sich nicht wundern, wenn man fragend angesehen wird. Oft wurde es wohl als überfordernd aufgefasst, wenn man antwortete, dass es einem nicht so gut gehe. Auch an die teuren Kosmetikprodukte oder Lebensmittel (vor allem Gemüse) in Neuengland kann ich mich bis heute nicht gewöhnen. Man muss jedoch immer im Hinterkopf haben, wie groß die Vereinigten Staaten von Amerika sind. In Deutschland gibt es sehr viele regionale Unterschiede und diese findet man auch in den USA, keine Frage.

Die Zusammenarbeit mit den Professorinnen war fantastisch, lehrreich und unkompliziert. Von Beginn an fühlte ich mich sofort gut aufgehoben und bei allen Problemen oder Fragen wurde mir immer sofort geholfen, zudem fühlte ich mich als Teil der Fakultät. Ich glaube, dass mir das sehr dabei geholfen hat, mich schnell einzuleben.

Allgemein empfand ich die Menschen hier als sehr offen und hilfsbereit. Man bekommt ein Kompliment mitten auf der Straße; Hilfe bei jeglichen Schwierigkeiten, wie administrativen Fragen; ein Lächeln, wenn man den Raum betritt. Zeitgleich kann es so natürlich auch zu Missverständnissen kommen, man deutet Gesten und Worte anders. Ein/e StudentIn mag vielleicht sagen, er komme zu diesem und jenem Event, das bedeutet jedoch nicht, dass er dort auch auftaucht. Man ist zunächst einmal sehr freundlich, man sagt nicht unbedingt direkt, dass man nicht kommen kann.

Angst hatte ich vor allem vor dem Winter. Man muss sich nur an die Nachrichten über die schweren Schneestürme in Boston Anfang 2015 erinnern! Schnee liegt mir eher bedingt, meistens finde ich ihn nur spannend, wenn er langsam vom Himmel rieselt oder auf der Skipiste liegt. Diesen Winter hatte ich aus dieser Sicht Glück, denn er war sehr mild. Es gab Schnee, Eis und auch Temperaturen unter -24 Grad Celsius, allerdings weit weniger als in den vergangenen Jahren. Insofern kann ich nicht davon berichten, dass mir beispielsweise die Nase zufror, aber damit kann ich sehr gut leben.

In den Ferien zwischen den Quartalen reiste ich in die großen Städte: New York City, Boston, Washington. Außerdem begab ich mich mit ein paar Freunden auf einen Road Trip durch Florida. In Washington DC gab es eine große Konferenz mit ungefähr 400 FLTAs aus aller Welt, die sich im Dezember in den USA befanden. Es war ein fantastisches Aufeinandertreffen verschiedenster Kulturen und doch hatten alle die gleichen Aufgaben und Ziele. In Hanover sah ich Hillary Clinton, ich nahm an Veranstaltungen des College teil und belegte pro Term jeweils mindestens einen Kurs.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Jahr sehr viel Spaß und tolle Erfahrungen brachte. Ich habe interessante Aufgaben bekommen, tolle Gespräche geführt, an Workshops teilgenommen und viele sehr nette, offene und hilfsbereite Menschen kennengelernt. Ich bin sehr dankbar, diese Chance bekommen zu haben. Sicherlich gab es auch einige Herausforderungen zu bewältigen, aber das machte das Jahr nur noch erlebnisreicher. Ich denke, dass das Jahr mich sowohl persönlich als auch akademisch weiterbrachte. Es war eine Erfahrung, die mir keiner mehr nehmen kann und ich werde in jedem Fall zurückkommen!

Gastautorin: Selinka Foltinek