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INSIGHT: Vielfalt lieben!

Bild: S. Hofschlaeger, pixelio.de

Gastautor: Moritz Dycke

Es ist 07:30 Uhr. An der Tür des Klassenzimmers hängt ein Poster. Ein bunt gestreiftes Herz ist zu sehen. Darunter in großen Druckbuchstaben: „VIELFALT LIEBEN“.

Es ist der erste Tag des zweiten dreiwöchigen Praktikums, das ich als Student des Lehramts Mittelschule absolvieren muss und ich stehe vor verschlossenem Klassenzimmer. Da eines der drei Didaktikfächer, die ich studiere, „Deutsch als Zweitsprache“ ist, habe ich mich dafür entschieden, während dieses Praktikums in einer Übergangsklasse 8/9 Ü B zu arbeiten. Die Ziffern bezeichnen die Altersgruppe, zwischen 14 und 16 Jahren, die Buchstaben den Sprachstand, zwischen 6 Monaten und 2 Jahren Sprecherfahrung. Trotzdem weiß ich nicht so recht, was mich erwarten wird. Ausschließlich Kinder mit Migrations- und Fluchtgeschichte heißt es in den Vorlesungen. Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache hätten und es nun als Zweitsprache lernen müssten. Vor allem sei zu achten auf die besondere Biographie der SchülerInnen und die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, die sie mitbrächten. Was heißt das denn? Habe ich es mit gezeichneten Kindern zu tun? Kinder, die nur wissen, woher sie kommen und nicht wohin sie wollen?

Inzwischen ist es 07.45 Uhr. Ich sitze jetzt im Klassenzimmer. Die Lehrerin, die ich die kommenden drei Wochen begleiten soll, hat mich herzlich begrüßt. Die Kinder seien schon aufgeregt. Ich bin sicherlich noch aufgeregter. Ich sehe mich um. Die Vielfalt wird hier tatsächlich geliebt. Bunte Bilder hängen an der Tafel. An den Wänden hängen Karten, auf denen Gefühle stehen. Ich entdecke das Glück, die Trauer, die Erleichterung, die Freude. Die ersten Kinder kommen ins Klassenzimmer. Ich gebe ihnen die Hand und lache sie an. Sie lachen zurück. Mein Name sei Moritz, wie es ihnen gehe. Gut, danke. Dann wird wieder gelacht. 19 Schüler begrüße ich auf diese Weise. Dann ein Stuhlkreis. Die Jugendlichen wollen sich mir noch einmal vorstellen. Der Name wird genannt, das Alter und ein Wunsch für die Zukunft. Eine Schülerin erklärt mir, es sei in der Klasse diskutiert worden, ob man bei der Vorstellung das Herkunftsland nennen solle. Den meisten sei es egal gewesen. Man müsse es nicht wissen, weil wir alle gleich seien, habe Ayas gesagt. Die Zukunftswünsche der Kinder überraschen mich. Vor allem Berufe werden genannt: Fußballprofi, Autoverkäufer, Anwalt, Tierärztin. Allen Schülern sind ein Haus und eine Familie sehr wichtig. Ganz normale Teenager-Wünsche. Ich komme mir dumm vor und schäme mich ein bisschen, dass ich die Kinder zunächst nur auf ihre Herkunft reduziert habe und ihnen keine großen Träume zugetraut habe. Während des Schultages wird fast ohne Pause gesprochen. Fast nur auf Deutsch. Ein bisschen in der Muttersprache, wenn man traurig oder wütend ist. Ich verstehe besser, warum das Poster an der Tür hängt. Die Klasse ist bunt. In allen Bereichen des Unterrichtsalltags zeigt sich das. Eine besondere Herausforderung und eine große Chance. Die Kinder lieben ihre Vielfalt. Und ihre Klasse.

Es ist 07:30 am letzten Tag meines Praktikums. Ich bin etwas wehmütig. Die SchülerInnensind mir in drei Wochen ziemlich ans Herz gewachsen. Wenn ich an meine Unsicherheit am ersten Tag denke, muss ich fast lachen. In den letzten Wochen habe ich ganz normale Teenager kennen gelernt. Jeder hat seine eigenen Wünsche und Träume. Jeder hat seine eigenen Ängste und Sorgen. Mit jedem habe ich gelacht und über jeden habe ich mich geärgert. Ich habe unglaublich ehrgeizige SchülerInnen kennen gelernt, die gute Noten schreiben wollen und die ein bisschen verlegen sind, wenn sie ein deutsches Wort nicht wissen. Ich habe Kids beobachtet, die aufgeregt sind, wenn in Gruppenarbeiten Mädchen und Jungen gemischt werden. Mädchen, die sich dann zieren und Jungs, die beeindrucken wollen. Kinder, die es in Diskussionen mit Regelklässlern schwer haben, weil sie sich nicht so erfahren in der deutschen Sprache bewegen. Aber auch Kinder, die mit mir eine Parabel von Bertolt Brecht interpretierten und einen Film darüber drehten.

Ich durfte mit einer Klasse arbeiten, die stolz darauf ist, bunt zu sein und die in ihrer Vielfalt unglaublich reflektiert und nachdenklich immer wieder den Wert jedes Menschen betont. Ob die Kinder gemerkt haben, wie sehr ich sie mag? Ich hoffe schon.